Einblick in die Lieferkette von Schoko-Haselnüssen
Weltladen-Dachverband: Es gibt über 700 Produkte, die Naturland Fair zertifiziert sind. Was bedeutet das konkret?
Agnes Bergmeister: Produkte, die das Naturland Fair Siegel tragen, werden nach unseren Öko-, Sozial- und Fair Richtlinien hergestellt und gehandelt. Dazu gehört der Verzicht auf chemisch-synthetische Düngemittel und Pestizide genauso wie die Einhaltung der Menschenrechte und natürlich ein fairer Preis für die Bäuer*innen, um nur ein paar Punkte zu nennen.
Weltladen-Dachverband: Nehmen wir mal ein konkretes Produkt: die schokolierten Haselnüsse von Weltpartner. Welche Stationen gehören zu dieser Lieferkette?
Da wären natürlich einmal die Rohstoffe zu nennen, die von Naturland Bäuer*innen in der Türkei, Deutschland, Paraguay und der Dominikanischen Republik angebaut werden.
Das ist die erste und für uns auch wichtigste Station. Denn hier beginnt die Wertschöpfung für uns alle und die Bäuer*innen.
Eine weitere Station in der Kette ist dann die Verarbeitung, wo aus den Rohstoffen das Endprodukt entsteht. Und natürlich das Fair-Handels-Unternehmen als Vermarkter und Partner. Mit WeltPartner arbeiten wir schon seit vielen Jahren zusammen.
Wenn sich bei einer Kontrolle herausgestellt hat, dass einer der Richtlinienpunkte nicht eingehalten wurde, gehen wir zuallererst in den Kontakt.
Weltladen-Dachverband: Wie stellt ihr als Zertifizierer sicher, dass Menschenrechte entlang eurer Lieferketten eingehalten werden und Umweltschutz gewährleistet wird? Wie überprüft ihr das?
Agnes Bergmeister: Einmal, indem wir in unserem Zertifizierungsprozess alle Teilnehmer*innen der Lieferkette unter die Lupe nehmen. In unserem Auftrag werden jährlich Kontrollen bei Bäuer*innen und Verarbeiter*innen durchgeführt. Externe Inspektor*innen von staatlich anerkannten Kontrollstellen überprüfen, ob unsere Richtlinienpunkte eingehalten werden.
Anschließend begutachtet die Anerkennungskommission von Naturland, das ist ein nicht weisungsgebundener Ausschuss, deren Berichte. Zudem besuchen wir in regelmäßigen Abständen die Bäuer*innen und Verarbeiter*innen und haben so einen guten Einblick.
Weltladen-Dachverband: Was passiert, wenn ihr auf Probleme entlang eurer Lieferkette stoßt?
Agnes Bergmeister: Wenn sich bei einer Kontrolle herausgestellt hat, dass einer der Richtlinienpunkte nicht eingehalten wurde, gehen wir zuallererst in den Kontakt. Die Konsequenzen hängen eng mit der Schwere des Verstoßes zusammen. Bei kleineren Verstößen fordern wir zunächst Nachbesserungen, bei denen wir unterstützend zur Seite stehen. Schwere Verstöße, wie z.B. Kontrollverweigerung, können zum direkten Ausschluss führen. Das kommt zum Glück jedoch nicht häufig vor.
Weltladen-Dachverband: Gibt es einen Beschwerdemechanismus für Produzent*innen entlang eurer Lieferkette?
Agnes Bergmeister: Hier muss man zwischen Angestellten und Produzent*innen unterscheiden. Für Erstere existieren in den Betrieben entlang der Lieferkette Strukturen, die es den Beschäftigten ermöglichen, sich zu beschweren. Dazu befragen wir die Betriebe regelmäßig und überprüfen das direkt.
Produzent*innen können sich direkt beim Erstkäufer beschweren. Dieser muss z.B. faire Preise zahlen. Das wird auch bei den Kontrollen überprüft. Und natürlich stehen wir jederzeit als Ansprechpartner für jeden unserer Partner wie auch Bäuer*innen zur Verfügung.
Das ist sowieso das A und O: eine gute und verlässliche Beziehung zu pflegen. Nicht umsonst ist dies auch ein Prinzip des Fairen Handels.
Weltladen-Dachverband: Wo seht ihr Grenzen?
Agnes Bergmeister: Die Grenze beginnt da, wo wir auf Dienstleister zurückgreifen. Nehmen wir die Kontrollstellen. Wir nehmen uns viel Zeit, um die Inspektor*innen regelmäßig zu schulen und sie für mögliche Richtlinienverstöße zu sensibilisieren. Eine hundertprozentige Sicherheit, dass sie alle Verstöße entdecken, gibt es natürlich nicht. Das kann niemand versprechen.
Wir setzen daher auf eine gute und enge Verbindung zu den Inspektor*innen und zu allen Beteiligten in der Lieferkette. So haben wir einen guten Überblick und können schnell reagieren. Das ist sowieso das A und O: eine gute und verlässliche Beziehung zu pflegen. Nicht umsonst ist dies auch ein Prinzip des Fairen Handels.
Weltladen-Dachverband: Die Einhaltung von Menschenrechten ist nicht das einzige, auf das ihr achtet. Was leistet ihr darüber hinaus?
Agnes Bergmeister: Als Anbauverband stehen wir und die über 70.000 Naturland Bäuer*innen weltweit für ökologischen Landbau, der gut für den Menschen, die Region und die Umwelt ist. Jede Naturland Zertifizierung steht für die Einhaltung der Menschenrechte UND eine ökologische Erzeugung. Damit sind wir unter den Anbauverbänden in Deutschland einmalig. Und mit der Naturland Fair Zertifizierung bieten wir unseren Partnern zusätzlich eine solide Zertifizierung, die ihnen ermöglicht ökologisch erzeugte, sozial gerechte und fair gehandelte Produkte zu vermarkten.
Weltladen-Dachverband: Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf eure Lieferkette von Schoko-Haselnüssen?
Agnes Bergmeister: Außer ein paar verspäteter Container mit der Rohware (Haselnüsse) gibt es glücklicherweise bei Naturland Fair Partner Isik Tarim aus der Türkei keine größeren Einschränkungen. Auch die Milchbäuer*innen aus dem Berchtesgadener Land können weiterhin ihre Milch an die Molkerei liefern. Das Fair-Handels-Unternehmen und Naturland Fair Partner WeltPartner musste aufgrund massiv gefallener Nachfrage hier in Deutschland Kurzarbeit beantragen.
Weltladen-Dachverband: Wie geht es euren Handelspartnern in der aktuellen Situation?
Agnes Bergmeister: Wie in vielen Ländern ist die Lage gerade auch für die Haselnussbäuer*innen in der Türkei nicht leicht. Naturland Fair Partner Isik Tarim hat jedoch schnell für die gebotenen Sicherheitsmaßnahmen in all seinen Einrichtungen gesorgt und schult zudem Arbeiter*innen sowie Bäuerinnen und Bauern im sicheren Umgang mit dem Virus.
Weltladen-Dachverband: Wie unterstützt ihr eure Partner aktuell?
Agnes Bergmeister: Einmal mehr sind wir stolz WeltPartner als verantwortungsvollen Naturland Fair Partner zu wissen. Als direkter Handelspartner zu Isik Tarim und weiteren Erzeugern in u.a. Uganda, Kenia oder Indien unterstützt WeltPartner durch Vorfinanzierung und einer weiterhin gesicherten Auftragslage (notfalls wird ein größerer Lagerbestand aufgebaut). Mit einigen Handelspartnern wird versucht auf Produkte umzustellen, die momentan gebraucht werden, wie Mund-Nasen-Bedeckung
Über Naturland
Naturland – Verband für ökologischen Landbau e.V. ist in 58 Ländern aktiv und gehört international zu den größten Öko-Anbauverbänden. Naturland zertifizierte Produkte werden unter öko-sozialen Bedingungen angebaut, die in Öko- und Sozialrichtlinien festgehalten sind.
Dazu gehören: Einhaltung der Menschenrechte, Verbot ausbeuterischer Kinderarbeit, gute Arbeitsbedingungen, Versammlungsfreiheit, Gleichstellung, Verzicht auf chemisch-synthetische Düngemittel und Pestizide, artgerechte Tierhaltung, regionales Öko-Futter und Fruchtfolge.
Für die Zertifizierung Naturland Fair gelten zusätzlich noch die Fair-Richtlinien. Dazu gehören: faire Erzeugerpreise, Fair-Prämien für Erzeuger*innen im globalen Süden, langfristige und verlässliche Handelsbeziehungen und Vorrang für regionale Rohstoffe.