Ehrenamtliches Engagement
Ehrenamtliches Engagement ist nach wie vor das Rückgrat der Weltladen-Bewegung. Und fast alle Weltläden hätten gerne mehr ehrenamtliche Mitarbeiter*innen. Doch in der Regel kommen diese nicht von alleine, sondern die Gruppe muss bei der Gewinnung selbst aktiv werden und zielgerichtet vorgehen. Auch wenn oft der Eindruck entsteht, dass es früher leichter war, Freiwillige zu finden, ist der Anteil der ehrenamtlich Tätigen lt. dem 5. Deutschen Freiwilligensurvey 2019 nicht gesunken, sondern kontinuierlich gestiegen, von 30,9 % der Menschen über 14 Jahren (1999) auf 39,7 % (2019). Im Jahr 2019 engagierten sich 28,8 Millionen Menschen freiwillig bzw. ehrenamtlich, 1999 waren es noch 21,6 Millionen. Von den bislang nicht Engagierten gaben lt. Survey 59 % an, sich ein Engagement künftig vorstellen zu können. Es gibt also nach wie vor eine große Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren (Anmerkung: Die Datengrundlage des 5. Freiwilligensurvey stammt von 2019, also vor Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland. Daher ist es mit den Daten nicht möglich, Aussagen über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das freiwillige Engagement zu treffen! Der neue Survey wird 2024 erhoben.)
Was sich jedoch mit der Zeit verändert hat, sind die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und damit die Ansprüche an das Engagement.
Wandel des Ehrenamtes
Statt von einem "Rückgang" kann von einem "Wandel des Ehrenamtes" gesprochen werden.
| "Altes" Ehrenamt | "Neues" Ehrenamt |
|---|---|
| Orientierung an Organisationen (wie Ortsverein und Kirchengemeinde) entsprechend eigener weltanschaulicher Bindung | Wahl des Engagements (aus der Perspektive vorhandener Alternativen) nach Interesse an den Inhalten der Arbeit |
| Sinnhaftigkeit und Nützlichkeit ergeben sich aus der Tätigkeit des Verbandes / der Organisation | Sinnhaftigkeit und Nützlichkeit ergeben sich aus dem Inhalt des Engagements |
| eher altruistische Orientierung und Zurückdrängung eigener Bedürfnisse | Erwartung an interessante Arbeit, die dem individuellen Anspruchsniveau entspricht, (auch) Selbstentfaltung ermöglicht und Spaß macht |
| eher hierarchische Einordnung in Verbandsstrukturen | Mitgestaltung der Arbeit (Inhalt, Umfang, Dauer) als bedeutsames Motiv |
| Konzentration auf eine Organisation und häufig langfristiges Engagement | Wunsch nach Vielfalt und Abwechslung: in Umfang und Dauer begrenztes Engagement bei mehreren Organisationen |
| auf Dauer und auf verbindliche Mitarbeit angelegte Gruppe als Organisationsform | auf kurz- und mittelfristige Verpflichtung angelegte Initiativgruppen, Projekte und Aktionen als Organisationsform |
Die Unterscheidung in "alte" und "neue" Formen dient vor allem der besseren Beschreibung gegenwärtiger Tendenzen. Die Übergänge sind z.T. fließend und es können sich auch beide Anteile in einer Person finden. Ein eher traditionelles Verständnis von kontinuierlichem Engagement ist durchaus weiterhin vorhanden und auch wichtig, z.B. um Kontinuität in Gruppen zu gewährleisten. Auch kann langfristiges Engagement aus einem eher projektorientierten Einstieg entstehen, es sollte nur nicht von Anfang an erwartet werden.
Veränderte Rahmenbedingungen für Engagement
Die veränderten Rahmenbedingungen für ehrenamtliches Engagement lauten:
- Menschen entscheiden sich bewusst für eine Tätigkeit im Weltladen und nicht, weil es in der Familie oder im Freundeskreis so üblich ist.
- Ehrenamtlich engagierte Menschen brauchen Anerkennung für ihre Tätigkeit, die sie früher aus ihrem traditionellen sozialen Umfeld bezogen. Wichtige Voraussetzung für Anerkennung ist die Möglichkeit, seine Fähigkeiten einzusetzen.
- Die Gruppe des Weltladens muss für jeden Einzelnen die Funktion eines sozialen Netzwerkes erfüllen, die über die reine Arbeit hinausgeht. So ist auch die gemeinsam verbrachte Freizeit ein wichtiger Motivationsfaktor (Ladenwochenende, Kneipengang nach Ladentreffen...).
- Ideologisch-politische oder ethisch-moralische Motivation ist weniger stark ausgeprägt als vermutet. Wichtiger ist die Rolle der Ladengruppe als sozialer Orientierungsrahmen.
- Es ist wichtig, sich in der Ladengruppe über das Ziel und den Inhalt der Arbeit zu verständigen und die Diskussion darüber immer wieder zu führen, da sich Rahmenbedingungen und Herausforderungen ändern. Diese Diskussionen sind notwendig, damit sich die Mitarbeiter*innen mit der Arbeit identifizieren können. Die Haltung "Das haben wir schon immer so gemacht" ist kontraproduktiv.
- Viele ehrenamtlich Engagierte erwarten, bei ihrer Tätigkeit etwas zu lernen, fortgebildet zu werden. Ehrenamtliche Tätigkeiten werden nicht mehr nur gemacht, weil sie gemacht werden müssen, sondern weil die Ehrenamtlichen auch etwas davon haben.
- Anbieter von ehrenamtlichen Tätigkeiten müssen eine gewisse Professionalität aufweisen, um aus dem breiten Angebot an Vereinen und Initiativen als besonders attraktiv herauszustechen.
Die Frage ist also nicht: Warum engagieren sich nicht mehr Menschen ehrenamtlich? Sondern: Warum engagieren sich nicht mehr Menschen ehrenamtlich bei uns?
Motive für Engagement
Die*den typische*n Ehrenamtliche*n gibt es nicht. Aber es gibt “typische” Motive für freiwilliges Engagement, die sich immer wieder finden - wenn auch mit unterschiedlicher Priorität.
Wichtige Motive für ehrenamtliches Engagement sind:
- Sinn wahrnehmen
- Erfolg haben
- Gemeinschaft erleben
- Wertschätzung erfahren
- Kompetenzen einbringen
- Gestaltungsspielräume haben
- Von Anderen lernen
- Zutrauen und Verantwortung erfahren
- Spaß/Freude haben
Gefragt ist also ein anspruchsvolles, selbstbestimmtes Engagement, das zugleich gesellschaftlich relevante Fragen thematisiert und Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und zum Kompetenzgewinn in sich birgt. Weltläden bieten genau diese Art von Tätigkeit. Damit das Arbeiten im Weltladen Spaß macht, braucht es jedoch nicht nur sympathische Menschen, sondern vor allem eine gute und effektive Ladenorganisation.
Diese ist umso wichtiger, als es immer weniger Menschen gibt, die sich langfristig an eine Tätigkeit binden wollen. Gefragt sind also immer mehr Möglichkeiten für ein eher kurzfristiges, projektgebundenes Engagement, dessen Wirkung in begrenzter Zeit sichtbar wird. Zugleich wird es zunehmend schwierig, Menschen zu finden, die längerfristig Verantwortung übernehmen, z.B. im Vorstand eines Vereines.
Der Wandel betrifft grundsätzlich alle Generationen, ist besonders augenfällig bei jungen Menschen. Für Weltläden ergeben sich daraus Konsequenzen für die Gewinnung neuer Mitarbeiter*innen, die ein professioneles Freiwilligenmanagement erfordert.
Stand: Oktober 2024
Quelle
Weltladen-Dachverband (2015): Grundkurs Weltladen. Modul 7 “Ladenorganisation”
Weltladen-Dachverband (2007): Leitfaden "Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Weltladen gewinnen und einarbeiten"